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Drascha zum Schabbat Bo, Hamburg, Freitag, 19.01.2024 von Rabbiner Lior Bar-Ami

Mitten in der Nacht erwachen der Pharao und sein gesamter Hof voller Schrecken angesichts der zehnten Plage, als die Erstgeborenen getötet werden und jeder ägyptische Haushalt trauert. Unter dem Gewicht dieser Tragödie gibt der Pharao, der sich für einen G*tt hält, endlich nach und gewährt Moses‘ Forderungen nach Freiheit für die israelitischen Sklav:innen. Der Pharao ruft, ja schreit: „Kumu zeu mitoch ami – Macht euch alle fort aus meinem Land, ihr mitsamt den Israelit:innen. Geht, haltet G*ttesdienst für Adonai, wie ihr das gefordert habt.“ (Ex 12,31).


Doch am Ende dieser nächtlichen Kapitulation, als Moses bereits durch die Palasttore gegangen sein muss, überrascht der Pharao mit einer unerwarteten Bitte. „Uwrachtem gam oti“, ruft er Moses nach, „Aber segnet mich noch.“ (Ex 12,32).


Diese Zeile ärgert mich dieses Mal beim Lesen der Parascha. Was für eine Chuzpe eines Tyrannen, der bis zu diesem Zeitpunkt Moses verspottet und G*ttes Forderungen abgelehnt hatte, und der nun plötzlich um einen Segen bittet! Während der gesamten bisherigen Geschichte in Exodus hat sich der Pharao geweigert, G*ttes Macht anzuerkennen. Und jetzt, in dem Moment, in dem er endlich vor G*tt Demut zeigt, will er von G*ttes Macht profitieren und einen Segen empfangen. Auch wenn der Pharao endlich die Grenzen seiner eigenen Macht anerkennt, bleibt er doch wahnsinnig egoistisch.


Traditionelle Kommentare interpretieren die Bitte des Pharaos auf verschiedene Weisen. Raschi hält den Pharao für zynisch und gleichzeitig praktisch. Nach Raschi meint der Pharao, dass Moses G*tt bitten sollte, ihn nicht sterben zu lassen, da er selbst ein erstgeborener Sohn ist. Die zehnte Plage bedrohte sein eigenes Leben, und nun ist der Pharao plötzlich bereit, G*ttes Segen zu suchen. Nachmanides liest die Worte des Pharaos großzügiger und argumentiert, dass der Pharao nicht nur für sich selbst, sondern für ganz Ägypten Segen sucht.


Die großzügigste und überraschendste Lesart stammt aus einem Midrasch von Rabbi Schimeon Bar Jochai. Gemäß dem Midrasch deutet die Bitte des Pharao darauf hin, dass er wusste, dass er selbst nicht direkt zu G*tt beten kann, und G*tt einem Menschen erst vergibt, bis dieser Mensch G*tt überzeugt hat, ihm zu vergeben (Mechilta deRabbi Schimeon Bar Jochai 15,4).


Mit anderen Worten: Pharaos Herzenswandel ist nicht nur die widerstrebende Kapitulation eines Königs, der gegen einen mächtigeren Rivalen verloren hat, sondern eine Art von Tschuwa. Plötzlich wird sich der Pharao seiner eigenen spirituellen Distanz zu G*tt bewusst. Um diese Kluft zu überwinden, muss der Pharao jedoch durch Moses gehen. Das entspricht der Idee, die auch Jom Kippur betont: Für Sünden gegen G*tt bringt Jom Kippur Versöhnung; aber für Sünden eines Menschen gegen einen anderen bringt Jom Kippur erst Versöhnung, wenn sie miteinander Frieden geschlossen haben.


Tschuwa ist eine starke Kraft im Judentum. Wenn der Pharao also Tschuwa, wie die der Midrasch vorschlägt, tat, verdient er dafür einen Segen zu erhalten. Der Midrasch liefert dann eine Reihe von biblischen Versen als Antwort. Sie weist auf die Art und Weise hin, wie die ägyptische Armee im Schilfmeer starb, was zeigt, dass es sich um einen würdigen Tod, um ein ordnungsgemäßes Begräbnis handelte (Ex 15,12). Sie bezieht sich weiter auf das Gebot „Verabscheue nicht das ägyptische Volk, schließlich habt ihr dort als Fremde gelebt.“ (Dtn 23,8) und argumentiert, dass es uns, obwohl wir vor so vielen Generationen von Ägypten unterdrückt wurden, verboten ist, am Hass festzuhalten, auch wegen Pharaos Tschuwa.


Aber es gibt auch einen dritten Segen, auf den der Midrasch anspielt und der meiner Meinung nach die faszinierendste Interpretation bietet. Der Midrasch zitiert einen Vers aus Jesaja, der eine Zukunft vorsieht, in der das ägyptische Volk G*tt genauso wie das jüdische Volk verehren wird: „Bajom hahu jihje misbeach lAdonai be toch erez Mizrajim – An jenem Tag wird für G*tt mitten im Land Ägypten ein Altar stehen […].“ (Jes 19,19). Der Segen für Pharaos Tschuwa scheint zu sein, dass zukünftige ägyptische Generationen nicht die gleiche Distanz zu G*tt haben werden, die er empfindet.


Wenn man Jesaja weiterliest, sind die Bilder atemberaubend. Der nächste Vers erklärt die Bedeutung der zukünftigen Treue Ägyptens gegenüber G*tt: „Das soll ein Zeichen und ein Zeugnis sein für G*tt der Heere im Land Ägypten. Wenn sie zu G*tt schreien aus ihrer Bedrängnis, wird G*tt ihnen eine Rettung schicken, die für sie streiten und sie befreien wird.“ (Jes 19,20).


Der Segen für Pharaos Tschuwa besteht darin, dass G*tt eines Tages das Volk Pharaos von Tyrannei befreien wird – genau wie G*tt in unserer Parascha die israelitischen Sklav:innen von Pharao befreit. Außerdem wird dieser Rollentausch dazu führen, dass die Gegner:innen zu Verbündeten werden und jede Nation an G*ttes Wohltätigkeit teilhaben kann. Jesaja prophezeite: „An jenem Tag wird Israel als Drittes neben Ägypten und Assur stehen, ein Segen mitten im Land, das G*tt der Heere segnet: »Gesegnet sei mein Volk Ägypten und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbteil, Israel!«“ (Jes 19,24).


Was für ein Bild für diesen Moment der Befreiung und nicht zuletzt in diesen Tagen! In dem Moment, in dem Moses aus dem Palast geht und zum letzten Mal die Gegenwart des Pharao verlässt, um die Israelit:innen aus Ägypten herauszuführen – und in dem Moment, in dem er schließlich als Sieger über Pharao hervorgeht –, pflanzt der Pharao die Samen für eine zukünftige Versöhnung. Vielleicht ist das eine wahre Vision der Befreiung: nicht nur diejenigen zu überwinden, die uns unterdrückt und Übles getan haben, nicht einfach ihrer Kontrolle zu entkommen, sondern auch einen Blick auf eine Zukunft zu werfen. Die Bereitschaft, vergangene Konflikte zu überwinden und gemeinsam als Segen zu dienen, ist ein mächtiges Werkzeug für den Aufbau einer gerechteren und harmonischeren Welt.


Ken jehi razon - Möge das G*ttes Wille sein!


Schabbat Schalom



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